Lächerliche Angaben

Portionsgrößen: Was denken sich die Lebensmittelhersteller?

Um sich schlechte Nährwerte und Inhaltsstoffe schönzurechnen setzen die Hersteller immer noch auf willkürliche Portionsgrößen auf den Packungen. Was soll das?

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Portionsgrößen

Kleingedruckt statt leicht verständlich: Bisherige Lebensmittelangaben sind nicht optimal.

Wie groß ist eine Portion Gummibärchen? Laut einem Süßwarenhersteller und dessen „offiziellen” Portionsgrößen sind es 8,5 Stück. Erinnern Sie sich daran, wann Sie das letzte mal eine Packung Fruchtgummi geöffnet haben, um dann nur achteinhalb Stück davon zu essen? Wir auch nicht. Und genau hier liegt das Problem mit den willkürlichen Portionsgrößen, die Lebensmittelhersteller auf ihren Packungen abdrucken: Sie entsprechen nur in den seltensten Fällen dem Verhalten der Käufer. Denn wer kennt es nicht? Einfach mal eine halbe Tiefkühl-Pizza naschen und die andere Hälfte für spätere Anlässe aufsparen. Dazu 250 Milliliter Coca-Cola aus der 0,5-Liter-Flasche genießen. Sie verstehen, wo das hin führt: Die Hersteller rechnen sich mit viel zu kleinen Portionsgrößen die Nährwerte einfach schön.

Verbraucherzentralen: „Unsinnig und verwirrend”

Diese Angaben seien oftmals „unsinnig und verwirrend” – so der Standpunkt der Verbraucherzentralen. Diese hatten 211 Lebensmittel auf entsprechende Nonsens-Angaben untersucht. Demnach würden die Hersteller vor allem bei Süßwaren auf extrem kleine Portionsgrößenvorschläge setzen, um Angaben zu Salz, Zucker und Fett möglichst gering zu halten. „Wer isst nur ein Drittel eines Schokoriegels oder zwei Drittel einer Gummischlange?” fragt man sich dort – und ruft Anbieter und Politik zum Handeln auf. Realistischere Angaben wären demnach beispielsweise die Nährwertangaben einer ganzen Flasche oder eines ganzen Müsliriegels.

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Lebensmittelampel: Industrie gegen Verbraucherschutz

Seit Jahren kämpfen Verbraucherschützer für eine EU-weite Lebensmittelampel. Hinter diesem Begriff verbirgt sich eine farbliche Einordnung, die auf 100-Gramm-Basis kritische Inhaltsstoffe wie Zucker, Salz oder Fett sofort als niedrig, mittel oder hoch erkennbar macht. Diese Einordnung soll durch Richtlinien unabhängiger, wissenschaftlicher Standards und Empfehlungen erfolgen. Zum Ärger der großen Lebensmittelproduzenten: Diese setzen auch hier auf Portionsgrößen und wollen so in ihrer spöttisch „Industrie-Ampel” genannten Version wieder den Eindruck eines gesunden Produkts schaffen.

Schlag gegen die Industrie-Ampel: Mars steigt aus!

Für die Industrie-Ampel (offizieller Titel: Evolved Nutrition Labelling) gab es jetzt einen unerwarteten Rückschlag: Mars, der viertgrößte Lebensmittelkonzern der Welt, kündigte an, nicht mehr Teil dieses Projekts zu sein. Stattdessen fordere der Konzern eine europaweite Lösung mit Fokus auf Verbraucher und – natürlich – Kosteneffizienz für die Hersteller. Das Image-Problem des Industrievorschlags sei außerdem ein großes: Die Portions-Ampel genieße schlichtweg keine Glaubwürdigkeit und beruhe auf keinem breiten Konsens. Die weiteren fünf größten Mega-Lebensmittel-Konzerne (Nestlé, Mondelez, Unilever, Coca-Cola und Pepsi) halten derweil an ihrem Konzept fest.

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Erik J. Schulze

von Erik J. Schulze

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