Wahnwitziger BBQ-Selbstversuch

Franklin Barbecue in Austin: Schlange stehen für weltbestes BBQ

Lange Schlangen für Rippchen, Pulled Pork und Rinderbrust: In Austin warten Fleisch-Fans Stunden auf das „beste BBQ der Welt“. eKitchen hat es selbst ausprobiert.

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BBQ Franklin Texas

Schmeckt noch besser als es aussieht: Das Fleisch bei Franklin Barbecue in Texas.

„Die Spinnen, die Amerikaner“, würde sich die berühmte Zeichentrickfigur Obelix bei dem denken, was COMPUTER BILD-Redakteur Robert Berg für eKitchen erlebt hat. Aber nicht einmal der stets hungrige Franzose mit Vorliebe für Wildschweinfleisch würde sich das antun, was sich an diesem Samstagmorgen in der US-Metropole Austin, der Hauptstadt vom Cowboy-Staat Texas abspielte. Robert schon. Hunderte Menschen stehen mehr als fünf Stunden vor einem verschlossenen Resta¬¬urant an. Mitten in einem unscheinbaren Wohngebiet campen, tratschen und trinken die Fleischjünger für den Traum vom perfekten BBQ. Die Wartezeit verkommt zum Volksfest. Robert hat sich für eKitchen und COMPUTER BILD ins Getümmel gestürzt und das angeblich „beste BBQ der Welt“ selbst probiert. Ein Erlebnisbericht, der wahrlich nichts für Veganer ist!
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Es gilt als „bestes BBQ der Welt”: Franklin’s Barbeque ist Kult unter Fleisch-Fans. Der wahnwitzige Selbstversuch im Video.

Schlangen morgens um 7 Uhr

Abreisetag – um 19 Uhr hebt mein Flieger ab. Der Langstreckenflug wird im wahrsten Sinne zäh. Also frage ich mich, was man in der jungen und – für Texas-Maßstäbe – modernen US-Metropole Austin abseits des typischen Touri-Programms erleben kann. Essen. Leckeres, saftiges Essen ist das Zauberwort. Hier soll es bei „Franklin Barbeque“ das „beste BBQ der Welt“ geben. Das unscheinbare Restaurant ist längst kein Geheimtipp mehr, sondern Kult, fasst schon eine Zufluchtsort für die Fleischsekte. Vier, fünf, teils sechs Stunden und länger stehen die Menschen hier an, um Massen von dem berühmt berüchtigten Rinderbrustbraten, Pulled Pork und Rippchen in sich reinzuschaufeln. Das muss ich mir als Anti-Vegetarier anschauen und allein schon aus beruflichen Gründen probieren.
Franklin BBQ

Lange Schlange vor dem Franklin Barbeque.

Als der Wecker um 6 Uhr in der Früh klingelt, möchte ich von Fleischbergen plötzlich nichts mehr wissen. Der Gedanke an die stundenlange Wartezeit lässt jeden aufkommenden Appetit im Nu vergehen. Doch es nützt nichts, ist schließlich alles im Sinne der Forschung. Als ich um 7:10 Uhr aufschlage – wohlgemerkt noch 3 Stunden und 50 Minuten vor der Öffnung – bereue ich beim Anblick der Schlange so ziemlich alles. Diese aberwitzige Idee, dass ich die Schlummer-Taste zu oft gedrückt habe und zu geizig war, abends nicht noch den Camping-Stuhl für umgerechnet fünf Euro im Supermarkt um die Ecke zu kaufen. So bin ich tatsächlich der Erste, der keinen der dutzenden Gratis-Stühle mehr abbekommt. Der kalte Steinboden lässt grüßen. Also höchste Zeit, sich die Füße zu vertreten. Denn an diesem Morgen ist von sonniger Texas-Hitze nichts zu spüren, der Wind pfeift mir unbarmherzig um die Ohren. Aber was tut man nicht alles für gutes Fleisch?

Feuchtfröhliches Volksfest mit Aussicht auf Fleisch

Also schaue ich, warum sich die Menschen für ein paar Fleischstücke die Beine in den Bauch stehen. Am Anfang der Schlange steht eine bestens gelaunte Männergruppe von junggebliebenen Mittdreißigern. Alle sind sie bewaffnet mit gekühltem Bier, einer wummernden Musikbox und dem typischen Cornehole-Spielplatz. Cornehole? Das sind zwei Holskisten mit großen Löchern, die sich gegenüber stehen und mit einem Sandsack getroffen werden müssen. Sie merken schon, Luke und seine Freunde haben es sich heimisch gemacht. Sie nutzen die Wartezeit für ihre ganz eigene Party. Die Aussicht auf saftiges Fleisch und der erwartete Nachwuchs seines Bruders verbreiten gute Laune, die ansteckend ist. „Wir hängen hier seit 5:15 Uhr einfach rum, trinken und haben eine Menge Spaß“, spricht Luke für die Truppe. Er hat auch gut Reden – die Sonne lässt sich inzwischen bei den Jungs blicken und scheint auf den Anfang der Schlange. Belohnung für die Frühaufsteher muss sein. Nur bei uns weiter hinten nicht. Strafe muss eben auch sein. Patrick, mein treuer Sitznachbar auf dem kalten Boden der Tatsachen, hadert etwas mit der fehlenden Sitzgelegenheit, bekommt beim Gedanken an das Fleisch aber feuchte Augen: „Ich bin extra aus Chicago angereist und liebe gutes Essen. Also muss ich auch das Beste vom Besten probieren.“

Lange schlangen, überforderte Mägen

Drei Stunden vor Ladenöffnung öffnet plötzlich die Türen. Wurden die Stoßgebete gen Himmel etwa erhört und gibt es tatsächlich schon vorher Häppchen? Die in mir aufkommende Hoffnung wird im Keim erstickt. Lediglich die Toilette ist jetzt offen – Luke & Co. dürfte es freuen. So vergeht Stunde um Stunde, während die Schlange länger und länger wird. 150 Meter dürften es nun mindestens sein. Das „Franklin“-Team ist den Trubel gewohnt, klappert die Menschenmassen in aller Seelenruhe ab. Man befragt die sichtlich überforderten Fleisch-Fans nach deren Essens-Wünschen, um besser planen und die Spätsünder am Ende der Schlange über deren mögliche Ausbeute informieren zu können. „Für die Rippchen können wir keine Garantie geben“, ruft eine Mitarbeiterin in die Menge der Langschläfer am Ende. Als Christian mich mit meinem ausgehungerten Magen nach den Essenswünschen fragt, bin ich total überfordert. „Alles!“, entgegne ich ihm im Fleischwahn. Das ist natürlich weder realistisch noch fair den anderen Gegenüber, also brauche ich Tipps. „Wir sind für die Rinderbrust berühmt, das solltest du auf jeden Fall nehmen. Ein halber Pfund sollte reichen“, sagt Christian. Wenn der wüsste...
Franlin BBQ

Viel zu tun: Der Andrang bei Franklin ist riesig.

Um 11 Uhr ist es dann endlich soweit: Unter großem Jubel öffnen sich die heiligen Hallen. Luke und seine Freunde sind glücklich und sichtlich gezeichnet von der feuchtfröhlichen „Wartezeit“. Patrick und ich gehen dagegen allmählich auf dem Zahnfleisch. Die Sonne fehlt uns. Der Wind zermürbt uns und die Info, noch gut eineinhalb Stunden ausharren zu müssen. „Ich habe es dir doch gesagt“, sagt der imaginäre Teufel auf meiner Schulter und reibt sich genüsslich die Hände, während sich die ersten den Bauch vollschlagen. Aber es gibt Mitmenschen, die es deutlich härter erwischt hat als mich. Brian zum Beispiel. Doch anders als dieser tiefenentspannt. Und das bei mindestens drei Stunden Wartezeit? „Ich bin erst seit zehn Minuten hier und warte lieber drei Stunden als morgens für sechs Stunden anzustehen“, erklärt Brian seine einfache Rechnung. Abgebrühte Mathematik. Doch die Coolness hat einen folgenschweren Grund: „Ich habe gerade ein Pfund Donuts gegessen und gar keinen Hunger, nehme einfach, was übrig bleibt.“ Ich bin sprachlos und irgendwie schießt mir Obelix wieder in den Sinn. Also zurück zum Platz, der jetzt zumindest schon auf der Türschwelle liegt.

„Es ist hier wie im Stripclub“

Im Inneren von „Franklin Barbecue“ beginnt nun der härteste Teil. Der rauchig-würzige Grill-Geruch zieht direkt in die Nase. Es ist Folter. Reinste Folter für die Wartenden, während die ersten mit einem breiten Grinsen in den Fress-Rausch oder gar schon ins Rinderbrust-Koma abdriften. Luke und seine Freunde haben es sich sichtlich gutgehen lassen – und zeigen wahre Größe. „Hier, nimm dir etwas, du siehst hungrig aus.“ Eine Geste, die mich einmal mehr sprachlos macht an diesem Tag. Das Essen übrigens auch. Der erste Bissen macht unheimlich viel Appetit auf mehr. Den habe ich eh schon und kann es kaum noch aushalten. Eine weitere Stunde zieht ins Land, um mich herum herrscht eine merkwürdige Atmosphäre. Wer die Fleischberge vor sich hat, werkelt wortlos vor sich hin. Der hungrige Rest schaut wie im Zoo bei der Raubtier-Fütterung zu. Patrick bringt die Gefühle auf der falschen Seite des Geheges auf dem Punkt: „Es ist hier wie im Strip Club – man sieht lauter schöne Sachen, darf aber nichts anfassen.“
Nach mehr als fünf Stunden Wartezeit darf ich dann ich dann eben doch endlich selbst Hand anlegen. Müde, hungrig und glücklich nehme ich von allem ein bisschen, wobei die eineinhalb Pfund Rinder-Rippchen echt übertrieben wirken. „Kleiner geht nicht“, meint der Koch auf der anderen Seite. Die Fleisch-„Häppchen“ kommen vom BBQ-Grill quasi direkt auf die Platte zum Zerlegen, das regt den Appetit und lockert die Spendierhosen. Dazu gibt’s ein kleines Stück Rinderbrust vorab zum Probieren auf die Hand. Show-Kochen 2.0 – so geht cleveres Selbst-Marketing. Zack, plötzlich bin ich 78 US-Dollar oder umgerechnet 70 Euro ärmer.

Warum Babys Rinderbraten essen sollten

Im BBQ-Rausch setze ich mich neben Patrick und seine Freunde, die schon auf Wolke Sieben schweben. „Das ist so zart, das zergeht auf der Zunge. Perfekt für Babys“, schwärmt der Mann aus Chicago vor sich hin. Und tatsächlich, die Rinderbrust zerläuft einem förmlich im Mund. Mit etwas Salz, Pfeffer und der feinfühligen Zubereitung gelingt Franklin und seiner Mannschaft das perfekte Stück Fleisch. Die beim Grillen sonst so beliebte Barbecue-Soße braucht niemand am heutigen Tag. Auch so ist die Brust saftig genug. Ob Pulled Pork, Rippchen oder der sonst so trockene Truthahn – alles ist auf den Punkt gegrillt und ein wahrhaftiges Geschmackserlebnis.
Als der Magen sich zum ersten Mal zu Wort meldet und Anzeichen von Sättigung verschickt, möchte ich ihn am liebsten stummschalten können wie mein Handy. Doch der Schalter fehlt. So ist es ein Kampf mit dem Körper. Hirn, Magen und Gaumen kämpfen miteinander. Ich probiere alles und bleibe am Ende doch bei der Rinderbrust hängen. Nach 15 Minuten Ess-Genuss gewinnt dann aber leider doch der Magen. Jammerschade. Doch über mein Glücksgefühl triumphiert er nicht, das bleibt. Also packe ich – wie alle anderen hier – die Reste ein und räume meinen Platz. Die Langschläfer wollen schließlich auch die volle Ladung Fleisch und Endorphine.

BBQ-Sauna und Rinderbrust statt Pizza

Sind die Lobeshymnen und all die Wartezeit für diesen Fleisch-Quicke gerechtfertigt? Ja, ohne jeden Zweifel! In unseren Breitengraden ist sowas kaum vorstellbar. Wir würden uns einfach das nächste Restaurant, den nächsten Imbiss suchen, nicht wahr? Doch das Barbecue ist ein unvergessliches Gesamterlebnis. Es ist ein Rausch, ein Gefühls-Mix aus Vorfreude, Genuss und mitreißender Jahrmarkt-Atmosphäre. Doch wie kann es sein, dass einem hier tagtäglich das beste Barbecue der Welt serviert wird?
Franklin Texas

Am Ende des Tages ist das ganze Fleisch weg.

Ich mache mich auf zu Max in den Grillraum, wo das Thermometer gut 90 Grad anzeigt. Es ist wie in einer Sauna und eine der Erfolgsrezepte, erklärt mir Max. Max heißt eigentlich Mauro und kommt aus Italien. Doch statt Pasta und Pizzen hat er sich dem Fleisch verschrieben. Die Qualität des Fleisches ist höher als bei uns. Dementsprechend gut wird es auch behandelt. In sieben großen Räucheröfen machen es sich die Rinderbrüste bequem. „Wir haben 75 Stück, die 14 bis 18 Stunden lang gegart werden“, erklärt Max. Er ist seit 5 Uhr und damit früher als Luke & Co. hier. Wenn das Restaurant am Nachmittag schließt, geht auch Max nach Hause und ein Kollege übernimmt.

Glück und Unglück: Auferstanden aus dem Feuer

Als ich satt, zufrieden und komplett durchnässt zum Ausgang gehe, sehe ich im Augenwinkel den BBQ-Meister selbst. Franklin, der Chef des Hauses, ist von einem Kamerateam umringt. Mal wieder. Der mit Auszeichnungen und Preisen überschüttete Texaner ist mit seinen Rippchen ein Star geworden, hat sogar seine eigene Fernsehshow. In „BBQ with Franklin“ erklärt er wie hierzulande Mälzer, Lichter & Co. vor einem Millionenpublikum seine Handwerkskunst. „Franklin Barbecue“ ist jenseits der Schlangen längst Kult, sogar Barack Obama stellte sich hier als amtierender US-Präsident in die Schlange. Seit der Öffnung 2009 ist der Grill jeden Tag ausverkauft. Bis auf eine Ausnahme: Vor eineinhalb Jahren wurden die heißen Räucheröfen, die einem sonst gutes Fleisch schenken, dem Restaurant urplötzlich selbst zum Verhängnis. Ein Großbrand zerstörte große Teile der Küche. Während das Volksfest verstummte, blieben die Öfen und Franklins Feuer. Er und sein Team bauten die Kult-Stätte in nur 87 Tage wieder auf. Der Rummel kam zurück. Nur noch die kunterbunten Bilder von kleinen Kindern an den Wänden zur Toilette, die ihm Mut zusprechen, erinnern an das Feuer außerhalb der Öfen. Und genau dieses Feuer im Herzen der BBQ-Welt machen „Franklin Barbecue“ zu einer einmaligen Erfahrung, die länger im Kopf bleibt als jedes Stückchen Fleisch im Magen.