Nakapan: Grieß statt Mandeln

Marzipan nach Großmutters Kriegsrezept

Im Krieg waren die Menschen erfinderisch: Da keine Mandeln zu bekommen waren, stellten sie Marzipan ohne die Nuss her. Was sie stattdessen verwendeten und ob es schmeckte, verraten wir Ihnen hier.

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Marzipan

Marzipan aus Weizengrieß nennt man Nakapan.

Marzipan gehört zu Weihnachten wie die Lichterkette an den Christbaum. Die beliebte Süßigkeit, hergestellt aus Mandeln, findet sich in allerlei Weihnachtsleckereien. Das selbstgemachte Marzipan meiner Großmutter gehört für mich bis heute zu den schönsten Adventserinnerungen – dabei war es eigentlich gar kein echtes Marzipan. Das Rezept stammt von meiner Urgroßmutter, die im Krieg ihren Kindern einen Hauch Weihnachten schenken wollte. Mandeln – eine heute so selbstverständliches Lebensmittel – waren nirgends zu bekommen. Zucker, Mehl, Eier und Butter waren streng rationiert. Wer etwas Besonderes auf den Tisch bringen wollte, musste auf dem Schwarzmarkt handeln oder eisern von den normalen Rationen abzwacken.
Kriegsmarzipan formen

Man formt das Nakapan mit den Händen zu runden Bällchen.

Meine Urgroßmutter zwackte ab, so viel sie konnte, um zu Weihnachten ihr ganz eigenes Marzipan herzustellen. Statt Mandeln verwendete sie Hartweizengrieß, Puderzucker, Bittermandelaroma und Rosenwasser. Dieses in Kriegszeiten entstandene Marzipan aus Grieß nennt man Nakapan, was allerdings weder meine Urgroßmutter noch meine Großmutter wussten. Für sie war es schlicht Kriegsmarzipan. Geboren aus der Not, wurde es bei uns zur traditionellen Familienleckerei.
Marzipan nach Kriegsrezept

Jedes Nakapan-Bällchen erhält mit einem Messer kleine Einschnitte.

Alle Jahre wieder

Jahr für Jahr stellte meine Oma sich an den Herd und zauberte ihr ‚Marzipan‘. Es musste nach der Zubereitung mehrere Tage offen trocknen und wurde im Anschluss in – mit Pergamentpapier ausgelegten – Dosen geschichtet. Meine Oma hielt es bis Heiligabend unter Verschluss; niemand durfte wissen, wo sie es lagerte. Doch natürlich kannten wir alle das Versteck: oben auf dem Kleiderschrank. Mein Bruder und ich lenkten unsere Großmutter in ihrer Stube ab, während mein Vater heimlich in ihr Ankleidezimmer schlich. Heraus kam er mit zwei Stücken für jeden von uns – ein drittes hatte er bereits selbst im Mund. Meine Oma zeterte und schimpfte und jagte uns sogar durch die Wohnung, um wieder in den Besitz der süßen Stücke zu gelangen. Doch das Marzipan landete unter lautem Lachen in unseren Mägen. Jahr für Jahr das gleiche Spiel ... Es war wunderschön und fehlt mir heute schmerzlich.
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Im Krieg bekam man Mandeln nur auf dem Schwarzmarkt. Dennoch gab es an Weihnachten Marzipan. Wir verraten, wie man es ohne Mandeln herstellt.

Von Generation zu Generation weitergegeben

Bevor die Demenz das Rezept des Kriegsmarzipan verschlang, hatte ich Gelegenheit, zusammen mit meiner Großmutter ein Video über die Zubereitung zu drehen. Vor einem Jahr ist meine Oma von uns gegangen, doch das Rezept blieb mir so erhalten. Vor zwei Tagen habe ich es – ohne Thermomix – erneut hergestellt, wie jedes Jahr seitdem Oma es nicht mehr konnte. Dieses Jahr probieren meine eigenen Kinder zum ersten Mal die Familien-Leckerei aus. Vielleicht tricksen sie mich eines Tages gemeinsam aus, um an den geheimen Ort der Lagerung zu gelangen und mir grinsend, mit einem Stück Nakapan im Mund, ihre Beute zu präsentieren. Ich würde es mir wünschen.
Cornelia Diedrichs

von

Der Genuss des Essens wird einzig durch das gemeinsame Kochen mit der Familie und Freunden übertroffen.