Von wegen A+++++++++

Darum verbrauchen die neuen Geräte immer mehr Strom!

Lange galt eine erstklassige Energieeffienz als absolutes Verkaufsargument. Auf der IFA 2017 ließ sich nun eine erstaunliche Trendwende beobachten.

Datum:
Samsung Quickdrive

Höherer Stromverbrauch für mehr Komfort? Für Samsung ist es die richtige Entscheidung.

Über Jahre lieferten sich Hersteller von Küchengeräten ein erbittertes Rennen. Welcher Kühlschrank, welche Spülmaschine, welcher Backofen hat die höchste Energieeffizienz? Und die Kunden zogen mit, denn das Versprechen war einfach: Wer das neueste Gerät kauft, zahlt vielleicht jetzt ein paar Euro mehr – nach einigen Jahren amortisiert sich das Gerät durch den gesparten Strom. Und so sah man es auf einschlägigen Messen immer wieder: Die neuen Küchengeräte für den Haushalt versprachen Jahr für Jahr eine noch höhere Effizienz für eine noch größere Ersparnis. 2017 markierte nun einen Wendepunkt: Erstmals war die Energieeffizienz auf der Internationalen Funkausstellung in Berlin kein prägendes Gesprächsthema bei Produktvorstellungen.

Die Limitierungen der Energieeffizienzklassen

Die bisher allgemein bekannten Klassen von D bis A+++ stießen zuletzt immer wieder an ihre Grenzen. Aufgrund gesetzlicher Richtlinien dürfen prinzipiell nur noch Geräte ab A+ in den Handel. Die Gruppen A bis D? Obsolet. Kein Wunder, dass die Grenzen in der Wahrnehmung der Bevölkerung langsam verschwimmen. Die Fachgemeinschaft für effiziente Energieanwendung (HEA) schätzt, dass sich beispielsweise bei Waschmaschinen mehr als 75 Prozent der Geräte im Handel bereits in der höchsten Energieeffizienzklasse befinden. Im Elektrofachmarkt sieht sich der Kunde also mit einer riesen Auswahl von Geräten der Kategorie A+++ konfrontiert. Eine Entscheidung und Differenzierung wird so immer schwieriger: Wenn alle Maschinen sehr gut – oder zumindest gut sind – macht es kaum einen Unterschied beim Kauf. Nicht nur deshalb stoßen die Hersteller inzwischen auf eine gewisse Gleichgültigkeit, trotz der großen Auswahl an hocheffizienten Maschinen: Mehr als 90 Prozent der verkauften Geschirrspüler und Kühlschränke fallen in die Kategorien A++ und schlechter, dabei dürfte auch immer der Anschaffungspreis eine wichtige Rolle spielen. Übrigens: Eine Neuanschaffung aufgrund einer besseren Effizienz ist selten sinnvoll. Nur wenn Sie ein Gerät ersetzen, das über 15 Jahre alt ist, lohnt sich der Griff zum Geldbeutel.
Energielabel

So sieht das bisherige Energielabel aus. Die Kategorien stellt die EU nun um.

Neues EU-Energielabel „degradiert” alte Geräte

Die Europäische Union hat das Problem der aktuellen Kategorien erkannt und die Überarbeitung des Energielabels zur europäischen Aufgabe gemacht. Es fällt sofort auf: Die Plus-Symbole verschwinden künftig aus dem Energielabel. Es bleiben die Stufen A bis G in einem Spektrum, das man ausschöpfen möchte. Anfänglich droht deshalb der Schock: Ein Gerät, das bisher mit A+++ in der Spitzenklasse laufen würde, degradiert die EU mir nichts, dir nichts zu einem mittelmäßig wirkenden C. Das liegt daran, dass die Einordnungen A und B als Zukunftsreserve dienen, für eine technologische Weiterentwicklung, die aktuelle Standards noch übertrifft. Im Bereich der Küchengeräte ist eine mindestens zweijährige Übergangsfrist eingeräumt: Solange steht ein Kühlschrank der Klasse A+++ neben einem Modell der neuen Klasse C – bei einer vergleichbaren Effizienz. Verwirrung ist programmiert.

Die neue Geschichte der IFA: Es war einmal die Zeitersparnis

Die Industrie ist von dieser Entwicklung nicht überrascht. Im Gegenteil: Viele Unternehmen setzen nicht mehr auf eine hohe Energieeffizienz um jeden Preis – zumindest nicht als Hauptargument. Die Geschichten und Szenarien, die die Unternehmen mit ihren Produkten erzählen, haben sich verändert. Nicht mehr Strom- und Geld-, sondern die Zeitersparnis der zahlenden Kundschaft steht im Fokus. Und das kommunizieren die PR-Abteilungen entsprechend. Auf der IFA 2017 war diese Entwicklung klar zu erkennen. Eine Sprecherin bei Samsung bringt es bei einer Führung über den pompösen Messestand auf den Punkt: Irgendwann sei es auch gut mit der Effizienz, irgendwann müsse man auch etwas von all der zur Verfügung stehenden Technologie haben. So etwas sagt sie natürlich nicht ohne Grund: Neben uns steht eine Waschmaschine mit QuickDrive-Technologie. Fünf Kilo Wäsche in 39 Minuten? Möglich machen das zwei Motoren, die sich in entgegengesetzter Richtung drehen und die Wäsche durch die erhöhte Bewegung intensiver reinigen. „Halbe Waschzeit – mehr Freizeit” steht auf einer Wand im Hintergrund. Dazu kommt der schon fast nicht mehr nennenswerte Rundumschlag aus Smartphone- und Smarthome-Integration, die eine physische Auseinandersetzung mit der Maschine auf ein Minimum reduziert. Wer möchte, startet den Waschgang aus der Ferne und entlädt die Maschine erst nach getaner Arbeit. Keine Wartezeit mehr – wie viel Energie das kostet ist auf der Messe kein Thema. Es ist jedenfalls mehr, als bei einer Waschmaschine ohne Schnickschnack.

Galerie: IFA 2017: Das sind die Küchen-Highlights

Smart Fridge

Fernseher, digitale Einkaufsliste, Shoppingzentrale … der Begriff Kühlschrank ist manchmal Understatement.

Roboter und Apps für den stressigen Alltag

Diese Einstellung zeigt sich an allen Ecken des zukünftigen Haushalts. Kaum ein großer Hersteller, der keinen akkubetriebenen, vollautomatisch fahrenden Staubsaugerroboter anbietet. Inklusive WLAN, Kamera mit Livestream und 3D-Raumscanner. Dass so ein Gerät oft mehr Strom frisst, als ein herkömmlicher Handstaubsauger? Geschenkt. Dieser Trend zieht sich durch die gesamte Branche. Vernetzte Lampen, vernetzte Kühlschränke mit hochauflösenden Bildschirmen, vernetzte Kaffeevollautomaten – in allen Basics der Küche findet man inzwischen Hightech-Elemente. Aber auch wenn es nicht um Vernetzung geht, steht der Energieverbrauch im Hintergrund, selbst wenn sich dieser nicht verstecken muss: Mieles Messe-Highlight, der Dialoggarer, verspricht das gleichzeitige, gezielte Garen verschiedener Zutaten. Hier spare man beim Backen eines Kuchens bis zu 70 Prozent der Zeit im Vergleich zu klassischen Öfen. Die moderne Technik macht es möglich. Was fehlt auf den Messebühnen? Ein Kommentar zum Stromverbrauch.

Das Streichholz für den fehlende Funken?

Niemand möchte eine halbe Stunde länger auf ein Gerät warten, nur damit es ein paar Cent spart. In Europa fiel es der Branche dennoch schwer, den Kunden ihre Version der Küche der Zukunft schmackhaft zu machen. Bis jetzt. Nach Angaben des Marktforschungsunternehmens GfK steigen die Verkaufszahlen vernetzter Geräte stetig, die Marktanteile sind im Vergleich zum asiatischen Raum aber kaum nennenswert. Da nun das Ende der Möglichkeiten des ewigen Energiesparens erreicht zu sein scheint, liegt die weitere Entwicklung ein Stück weit in den Händen der Firmen. Sie müssen jetzt zeigen, dass es die aktuellen Innovationen und Bemühungen wert sind, Geld dafür auszugeben. Wenn die Kunden bereit sind, für einen verbesserten Komfort tatsächlich auf die höchsten Energieeffizienzklassen zu verzichten, dürfte der Funke bald überspringen und der Spagat zwischen einer akzeptablen Energiebilanz und hochwertiger Funktionalität gelingen.
Erik J. Schulze

„Erhöhter Stromverbrauch für mehr Funktionalität? Gern – bei der richtigen Balance.“

Erik J. Schulze,

Die Zeitrechnung des Komforts

Die für Verbraucher konfus anmutende Umstellung zum neuen Energie-Label, die aktuell fehlende Differenzierung verschiedener Geräte im Fachhandel und die Limitationen für neue Technologien durch übertriebene Energiesparambitionen markieren den Abschluss des Rennens um die höchste Effizienz. Künftig heißt es: Zurücklehnen und die Handarbeit und Wartezeit im Haushalt auf ein Minimum reduzieren. Sie dürfen sich also auf viele neue Funktionen in ihren Küchengeräten freuen – wenn Sie denn wollen. Darauf wetten, dass diese obendrein sehr wenig Strom verbrauchen, würden wir vorerst allerdings nicht. Von nichts kommt eben nichts.

Kühlschränke mit bester Energieeffizienz

Erik J. Schulze

von

Fast Food und gesunde Ernährung sind nicht miteinander vereinbar? Mit etwas Kreativität und den richtigen Gadgets können auch Freunde der schnellen Küche mit einem guten Gefühl im Bauch zuschlagen.