Krampf um den Umweltschutz – Teil II

Kaffeekapsel-Heuchelei – was die Leser sagen

Wir haben den ökologischen Fußabdruck der Kaffeekapseln unter die Lupe genommen und einige überraschende Einblicke gewonnen. Aber was meinen die Leser dazu?

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Die Kaffeekapsel - Umweltsünde oder halb so wild?

Die Kaffeekapsel – Kuss des Umwelttodes oder übertriebener Hype?

Im Artikel „Kaffeekapsel-Heuchelei: Die schockierende Umweltwahrheit“ wurde der Versuch unternommen, die Herstellung und den Konsum von Kaffeekapseln nach ökologischen und nachhaltigen Aspekten zu betrachten. Immerhin habe ich mich selbst ganz klar gegen die populistische Meinungsmacherei manch einer NGO und manch eines Umweltschützers verwahrt, die auf billige Art und Weise ihre Schäflein eintreiben wollen. Daher obliegt es mir, das komplexere, ganzheitliche Bild aufzuzeigen, was es denn nun mit Kapseln aus Alu auf sich hat. Damit diejenigen, die sich abseits des populistischen Geschwätzes informieren wollen, ein genaueres Bild machen können.
Fakt ist: Einerseits sind die Kritiken ob des steigenden Kapselkonsums (in der Fachsprache der Kaffeehersteller wird das als „portionierter Kaffee“ bezeichnet, der zusammen mit den Kaffeepads auf einen Marktanteil von 13,5% in Deutschland kommt, die Kapseln alleine kommen auf 5,5%) sehr laut und sehr vehement. Im Fokus steht das Aluminium, das zur Ummantelung des Kaffees genutzt wird. Andererseits scheint es genügend Fans von Kapseln zu geben. Wer hat nun Unrecht, wer Recht, wo liegt die Wahrheit? Ist Kapselkonsum eine Umwelttodsünde? Wir haben unsere Ergebnisse präsentiert und wollen uns nun anschauen, welche Lesermeinungen bisher dazu eingingen.

Die Einzelaspekte der Kaffeekapsel und die Lesermeinungen

Gehen wir auf die einzelnen Punkte ein und was die Leser dazu gesagt haben.
  • Die Produktion von Aluminium ist sehr energieintensiv. Ein kleinster Bruchteil der Weltproduktion wird in Deutschland hergestellt (Verbrauch in D: 3 Mio. Tonnen/Jahr, Herstellung in D 0,5 Mio. Tonnen Primäraluminium und 0,6 Mio. Tonnen recyceltes Aluminium pro Jahr). Wir wissen bisher allerdings nicht, wie hoch der Anteil am Ökostrom ist, der hierzu genutzt oder überhaupt genutzt wird, weder in deutschen noch ausländischen Standorten. Auf der Verbandsseite des GDA ist die Sprache von 60% Wasserkraftanteil (unklar, ob nur auf die nationale Produktion bezogen). Es ist aber ein wichtiger Faktor für den Footprint – also den ökologischen Fußabdruck generell –, was die gesamtheitliche Verwendung von Aluminium überhaupt und im Spezifischen für die Kapselproduktion angeht. Dazu gab es keine Lesermeinungen, da hier schlichtweg keine Fakten existieren, um die man sich vielleicht hätte bemühen können. Zumal es schwer verdaulicher Stoff ist, sich über Produktionsprozesse von Metallen Gedanken zu machen und wie hier der Fortschritt aussieht. Das wäre etwas zuviel des Guten?

    Zugleich liegt hier womöglich ein sehr großer Hebel vor. Sollte es machbar sein, dass Alu mit einem steigenden Ökostrom-Mix produziert wird, verbessert sich die Ökobilanz von Alu deutlich. Da die Kapselherstellung nur einen geringsten Bruchteil der Aluproduktion einnimmt (in Deutschland 0,13%), kann davon ausgegangen werden, dass hier keine Marktmacht seitens der Kapselanbieter wie Nestlé vorliegt, um grüne Interessen durchzusetzen? Soweit ist aber klar: Alu wird nicht eigens für Kapseln hergestellt, womit das Aluminium der Kapseln nicht separat beim Footprint zu beachten ist (im Sinne von einem geringeren oder höheren Footprint-Beitrag in Relation zur Aluproduktion, sehr wohl aber zu anderen Kaffeeprodukten wie etwa Kunststoffkapseln, Kaffeepads oder verpacktem Bohnenkaffee).
  • Was den Abbau von Aluminium in Form von Bauxit angeht, liegen uns keine Daten zum Footprint vor. Damit sind auch keine Hebel erkennbar, um die Umweltbilanz des Rohstoffabbaus zu verbessern inklusive den Transportwegen zu den Alu-Hütten. Die Leser haben zwar darauf wie bei der Aluproduktion auch hingewiesen, aber es existiert kein erkennbares Wissen oder im besten Falle Ideenansätze, was machbar wäre.
  • Gesundheitliche Bedenken gegenüber Aluminium wurden mehrfach geäußert, da es im Netz, aber auch in den Medien immer wieder thematisiert wird. Alu steht im Verdacht, bestimmte Krankheiten zu verursachen. Unklar ist allerdings selbst Medizinern, ab welchen Grenzwerten und über welche Zeiträume eine Gefährdung medizinisch feststellbar wäre. Insofern ist es nicht verwunderlich, dass die Lesermeinungen eher diffus denn spezifisch geäußert wurden. Bei den Kaffeekapseln wissen wir allerdings, dass der Kaffee vom Alu über eine hauchdünne Kunststoffschicht aufgrund des Säuregehalts getrennt wird. Hier sollte an sich keine Gefahr bestehen. Allerdings ist unklar, ob beim Durchstehen und Aufbrühvorgang Aluanteile in das Kaffeegetränk übergehen. Das dürfte relativ einfach in Erfahrung zu bringen bzw. in Labortests zu messen sein.
  • Über den Kaffeeanbau und Bepreisung des Kaffees wurde überraschend wenig ausgesagt. Obgleich der Kaffeekonsum in Deutschland noch vor Bier und Wasser rangiert, wurde der Aspekt nicht aufgegriffen. Selbstverständlich sollte klar sein, dass der hohe Konsum große Nutzflächen und Waldrodungen in den produzierenden Ländern wie Brasilien nach sich zieht. Obgleich es schonendere Anbau-Verfahren gibt, die damit am Ende wesentlich höhere Preise nach sich ziehen. Es ist aber zu vermuten, dass die meisten unter uns schlichtweg zu wenig über den Kaffeeanbau wissen.

    Ob die Konsumenten gesamtheitlich bereit sind, den höheren Preis zu zahlen, ist in Deutschland allerdings mit den Konsumfüßen abgestimmt: Lediglich 8% sind fair gehandelter bzw. wie auch immer zertifizierter Kaffee. 92% konsumieren Kaffee ohne jegliches Zertifikat. Die Kritiken wurden lediglich dahingehend sehr deutlich, dass billiger Kaffee eben „üblichen Kaffeetrinkern“ nicht billig genug sein könne. Sprich, 92% der Kaffeekonsumenten wurde jegliches Umweltbewusstsein abgesprochen.

    Umgekehrt wurde – was durchaus ironisch zu verstehen ist – der Kapselkaffee als überteuert dargestellt. Soweit die Informationen verifiziert sind, werde ich die Zahlen eines der führenden Kapselanbieter – Nestlé – separat behandeln.

    Vorab steht die Information unbestätigt im Raum, dass Nestlé rund 40% über dem vergleichbaren Kaffeehandelspreis des Weltmarktes für den Kapselkaffee bezahlt. Wie auch immer diese Informationen im Sinne eines Fair-Trade-Gedankens zu verstehen sind.

    Zugleich weisen Kritiker darauf hin, dass sie selbstverständlich ausgewählte Kaffeesorten sehr bewusst trinken, der anscheinend teurer ist als der übliche Massenwaren-Kaffee. Allerdings waren keine Preisangaben zu entlocken gewesen. Hier scheint eine Art von Abgrenzung vorzuliegen: Kapselkritiker sind vorzügliche Kenner, alle anderen haben anscheinend kein Bewusstsein für Kaffee. So zumindest das Eigenbild, was sich von außen darstellt.
  • Über den Transport des Aluminiums und Transport des Kaffees via Verschiffung wurde keine Meinung geäußert. Hierbei liegen ebenso erhebliche Faktoren vor, um den Footprint zu verbessern. Immerhin werden jährlich rund 8,5 Mio. Tonnen Kaffee hergestellt, davon werden 1,1 Mio. Tonnen nach Deutschland verschifft, da Hamburg traditionell ein großer Umschlagplatz für die Kaffeeanbieter ist. Knapp 0,6 Mio. Tonnen werden hierzulande verkonsumiert, der Rest geht als Export und nach entsprechender Weiterverarbeitung in die europäischen Länder.
  • Über den generellen Kaffeegenuss und die möglichen Konsumarten – sprich ob man handgemahlenen, ausgewählten bis hin zu portionierten Kaffee trinkt – gab es im Grunde keine Art von Diskussion. Kapselkritiker zeigen keine Bereitschaft, sich Gedanken ob den Vorteilen von Kapselkaffee in Bürogemeinschaften oder aber für Singles zu Hause zu machen. Andere Leser haben diesen Aspekt aufzuzeigen versucht, wurden aber sofort mit der Alukeule niedergeschmettert. Kritiker lehnen schlichtweg diese Art von Konsum ab.

    Der Einwand, dass womöglich 1/3 des manuell aufgebrühten Kaffees in den Gulli verschüttet wird, wurde vehement negiert oder aber als völlig unverständlich dargestellt. Insofern kann man nicht von einem Bewusstsein sprechen, wie dieses Problem zu lösen sei, da niemand ernsthaft davon ausgeht, dass sämtlicher Kaffee auch leergetrunken wird. Zugegeben, es ist auch für extrem umweltbewusste Menschen schwer vorstellbar, dass Menschen einfach so etwas wegwerfen. Denn im direkten Vergleich pro Tasse könnte dadurch Kapselkaffee als portionierter Kaffee mitsamt Alumantel tatsächlich eine bessere Ökobilanz denn Filterkaffe bzw. handgemahlener Kaffee aufweisen. Was nicht sein darf, kann auch nicht sein? So könnte man das Verständnis von Kritikern bezeichnen. Außerhalb der Kritikerkreise wurde dieses Thema der Verschwendung nicht aufgegriffen.
  • Das Thema Recycling wurde überraschenderweise weniger aus Sicht der Konsumenten (die die Kapseln leider immer noch nicht alle in den Gelben Sack werfen), sondern als Vorwurf an die Hersteller behandelt. Nach dem Motto: Produziert ihr keine Kapseln, gibt es auch kein Recycling-Problem. Das ist zwar ein einfaches, direktes Argument, das aber die Verbraucherwünsche ausblendet. Immerhin sind es 13,5%, die portionierten Kaffee schätzen. Wie man diese Verbraucher dazu einlädt, die Kapseln wenigstens nicht in den Hausmüll zu werfen, wurde nirgends geäußert. Dafür wurde vorgeschlagen, Kaffee in Edelstahldosierern zu verwenden oder aber auf kompostierbare Kapseln umzusteigen.

Fazit

So weit die Zusammenfassung der bisher eingegangenen Lesermeinungen im Überblick. Die Diskussionen werden teilweise mit großer, emotionaler Vehemenz geführt. Die zwar nicht unbedingt sachlich wird dadurch, was aber mehr der üblichen Netz- und Diskussionskultur geschuldet ist. Was die Emotionalität in Relation zu anderen Themen angeht, ist keine besondere Auffälligkeit dahingehend zu bemerken. Es ist ein Aufreger, ja, politische Diskussionen werden jedoch weitaus hitziger geführt. Dennoch fällt natürlich das Zusammenführen und Begleiten der Diskussionen nicht einfach, da man als Autor mit den Inhalten gleichgesetzt wird („bist du nicht 1.000% gegen Kapseln, bist du gegen uns“).

Persönliches Resümee

Ich hoffe, es ist mir dennoch gelungen, eine Art Kapselbild zu zeichnen. Wo einerseits die Probleme und Hebel liegen, den Footprint zu verbessern. Wie die Haltungen der Kapselkritiker aussehen. Und auch, dass man nicht unbedingt drei Rosenkränze beten muss, wenn man Kapselkaffee konsumiert. Die Kritiken sind lauter, als es die gesamtheitliche Betrachtung unter dem Strich ökologisch aufzeigt. Dafür werden mich Kapsel- und Aluhasser hassen. Ich muss mich nicht trösten, denn ich trinke weder Kapselkaffee noch hätte ich damit Gewissensbisse. Ich verlasse mich eher auf etwas anderes, das viel entscheidender ist. Es nennt sich Fortschritt, der nicht durch populistisches Geschrei vorankommt, sondern durch gesamtheitliches Denken und punktuelles Verbessern. Wie können wir Umweltschutz, Nachhaltigkeit, Genuss, Verantwortung, Lebensfreude und Konsum besser verquicken, ohne gleich nach Bärenfell und Keule zu rufen, um damit durch die Gegend zu laufen? Im Sinne aller, aber nie nur für die eine Seite.
Robert Basic

von

Seine Passion sind Menschen, sein Antrieb ist die Neugier.

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