Krampf um den Umweltschutz

Kaffeekapsel-Heuchelei: Die schockierende Umweltwahrheit

Portionierter Kaffee in Aluminiumkapseln wird immer populärer, zum Ärger der vermeintlichen Retter der Umwelt. Robert Basic ärgert sich über die Kaffeekapsel-Heuchelei.

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Ein Lager voller Kaffeesäcke

Weltweite Kaffeenachfrage 2014: 142 Mio. Kaffeesäcke. Kaffeekonsum in Deutschland 2014: 9,6 Mio. Kaffeesäcke.

Kaffeekaspeln von Nespresso & Co. gelten als Umweltsünde. Wer sich heute eine passende Kapselmaschine kauft, muss fast schon zusehen, dass er das Kaufhaus mit einer braunen Tüte verlässt, ganz so, als würde er aus einem Erotikfachgeschäft herauskommen. Ganz so, als würde der Käufer etwas Sündiges und Verbotenes bei sich tragen.
Jeder kennt die Kritiken ob den Kapseln: Das Aluminium – das zur Ummantelung des portionierten Kaffees benutzt wird – ist eben nicht biologisch abbaubar, auch wenn es vereinzelt Ausnahmen gibt. Zumal ausgerechnet einer der im Kreuzfeuer der Kritiken stehenden Lebensmittelkonzerne namens Nestlé mit Nespresso das lukrative Geschäft mit den Kapseln populär gemacht hat. Eine nahezu Idealkombination für Umweltbesorgte, um Beißhemmungen abzubauen: Ein „gewissenloser“ Multikonzern und die Metallkapseln, der Teufel kommt als Eichhörnchen daher.
Kritiker bemängeln eine Verschwendung von Verpackungsmaterial ohnegleichen. Milliarden von Kapseln, Tonnen an Aluminium gehen jährlich über den Umweltjordan. Anstatt den Kaffee traditionell wie gehabt ohne Kapseln aufzubrühen. Tatsächlich steigt der Kaffeekapselkonsum von Jahr zu Jahr kräftig.
Jährlicher Konsum von Kaffeekapseln und Kaffee-Pads

2015 stieg der Konsumanteil der Kaffeekapseln am Kaffeegesamtkonsum auf 5,5%, der Anteil der Kaffeepads auf 8%. Am beliebtesten ist das Segment Filterkaffee (64%) und „Ganze Bohne“ (22,5%).

Der blinde Fleck der Kapselkritiker

Beim wohlwollenden Nachforschen, was es mit den Kritiken und Zusammenhängen auf sich hat, fiel mir eines ganz besonders ins Auge: Es geht extrem einseitig zu! Das zunächst Wohlwollende in mir verkehrte sich dann recht schnell ins Gegenteil. Ich wurde immer fassungsloser, warum wir lautstark falsche Akzente setzen.
1. Verschwindend geringer Anteil: Zuerst fiel mir das auf, als ich mir die Gesamtnachfrage an Aluminium in Deutschland angeschaut hatte. 2014 wurden rund 3 Millionen Tonnen Aluminium in Deutschland zur Produktion von Gütern verwendet, wovon der Großteil (47%) in den Bereich Verkehr floss (zahlreiche PKWs haben teilweise bis zu 600 kg Aluminium an Bord, von Karosseriebauteilen über Verkabelung bis hin zu Alufelgen).
Rund 300.000 Tonnen (10% vom Gesamtverbrauch) wurden für Verpackungen verwendet. Berechnet man nun auf Basis des Kapselkonsums die notwendige Menge an Aluminium, kommt man auf eine unfassbar hohe Zahl: 4.000 Tonnen gehen für die Kapselproduktion drauf, was 0,13% vom Aluminiumverbrauch ausmacht.
Das ganze Geschrei um nahezu nichts? Ein verschwindend geringer Anteil Alu geht für Kapseln drauf, wen kümmert das eigentlich? Wäre es nicht effizienter, genauer hinzuschauen, ob vermeidbare Verpackungsmaterialien in ganz anderen Bereichen verwendet werden, die weitaus mehr Alu brauchen? Oder warum im Bereich Automobilbau derart große Mengen genutzt werden? Außer Frage bleibt natürlich, ob denn Kapseln tatsächlich sein müssen? Alu hin, Alu her. An dem Punkt kommen wir aber zur Frage der Bequemlichkeit. Doch aus einer ganz anderen Sicht.
2. Die Bequemlichkeit der Kritiker: Ab der Stelle war ich dann wirklich fassungslos geworden. Warum? Ganz einfach. Die Frage der Bequemlichkeit, warum portionierter Kaffee den Konsumenten zusagt, brachte mich auf die Betrachtung des gesamten Kaffeekonsums. Und der zog mir die Socken aus! Kaffee ist das Lieblingsgetränk der Deutschen. Seit Jahr und Tag. Weder Wasser noch Bier kommt an Kaffee heran.
Kaffeekonsum vor Wasser und Bier

162 Liter Kaffee pro Kopf. Einhundertundzweiundsechzig Liter. Noch vor Wasser und dem Grundnahrungsmittel Bier!

Ich konnte es zunächst nicht glauben, wälzte Statistiken. Das muss doch ein Ausreißer sein? Nein, es ist kein Ausreißer.
Trinkverhalten der Deutschen von 1990 bis 2014

Von 1990 bis 2014 war und ist Kaffee mit großem Abstand vor allen anderen das Lieblingsgetränk der Deutschen. Obgleich der Abstand zum Wasserkonsum über die Jahre kleiner wurde.

Was schon dabei ist? Kaffee kommt nicht aus dem Nichts. Er muss angepflanzt, gedüngt, gespritzt, abgebaut und per Transportschiffen zu uns gebracht werden, bevor wir endlich den Kaffee in die Tasse kippen. Ich mag keine Zahlenreihen mehr auflisten, diese finden sich sehr einfach auf Seiten des Deutschen Kaffeeverbandes und an vielen anderen Stellen.
Die Frage ist, wie umweltfreundlich Kaffeeanbau ist? Die gigantischen Mengen an Kaffee, die wir in Deutschland und weltweit verbrauchen, zieht gigantische Nutzflächen nach sich, die für den Anbau genutzt werden müssen: Im Jahre 2014 wurden 142 Millionen Kaffeesäcke à 60 Kilo verpackt, die kommen eben nicht von einer glückseeligen Parzelle, wo holde Elfenfrauen singend Kaffeebohnen streicheln. Diese Nachfrage nach Kaffee will bedient werden. Zum Vorteil der kaffeeproduzierenden Länder wie Brasilien. Schätzungen gehen davon aus, dass 100 Millionen Menschen davon leben können (vom Hungerlohn bis hin zu den Gutverdienern). Eine tolle Sache. Eigentlich.
Denn die riesigen Nutzflächen gehen eben mit Waldrodungen einher, mit Unmengen an Düngemittel- und Pestizideinsatz, mit Unmengen an Wasserverbrauch. Ganz zu schweigen davon, dass Containerschiffe mit die größten Umweltverpester aller Zeiten sind, was ihren Schadstoffausstoß angeht, der so gut wie nicht beachtet wird. Der Kaffee kommt nicht via Brieftauben zu uns. Das führt mich zum abschließenden Punkt.

Warum sollen die Kritiker bequem sein, wo sie doch unbequeme Fragen stellen?

Das möchte ich gerne mit diesem Chart beantworten. Da wir alle so extrem umweltbewusst sind, alle darauf achten, dass Kaffee umweltgerecht und nachhaltig angebaut wird, auch die vielen Arbeiter faire Löhne bekommen, wird der Anteil der gigantischen Kaffeemengen einen grünen Daumenabdruck auf der Kaffeetasse hinterlassen. Ganz sicher?
Umweltschutz und Kaffeekonsum

Jeder zwölfte Trinkgenuss ohne allzu schlechtes Gewissen?

Das Bild ist eher peinlich. Nur jeder 12. Kaffee weist ein Umweltsiegel wie etwa „Fair Trade“ auf. Trinken etwa alle Kapselkritiker diese Kaffeeart? Das wissen wir nicht. Was wir wissen ist, dass der ökologische Fußabdruck nicht an einer Kapsel hängt, sondern im Wesentlichen am Kaffeeanbau und am schmutzigen Transport. Und es ist zunächst völlig unerheblich, ob der Kaffee in der Kapsel oder als Bohne im Regal landet.
Da nahezu jede Kaffeebohne über die Weltmeere via Containerschiffe verbracht wird und die Schiffe die Luft verpesten, sind Biokaffee und Kaffee ohne Bioanteil transporttechnisch gesehen gleich mies. Juckt aber keinen. Sind ja herumtuckernde Schiffe, die man auf den Weiten des Ozeans nicht sieht. Sobald sie die Nordsee erreichen, müssen die Schiffe ihr gutes Diesel nutzen. Von Anbau bis Transport, die Kapsel bleibt der geringste Anteil am Öko-Aspekt. Welch Überraschung!

Eine Kapsel kann öko-freundlicher sein?

Und es ist keine Überraschung, dass ein gesamtheitlicher Blick der Wissenschaftler auf den Konsum von Kaffee inklusive der Kapsel-Betrachtung kaum Überraschungen aufzeigt. Der Einsatz von Maschinen, Dünger und Pestiziden kann bis 70 Prozent der Umweltbelastung einer Tasse Kaffee ausmachen. Eine mit Öko-Kaffee gefüllte Kapsel kann dann sogar besser abschneiden als ein herkömmlicher Filterkaffee. Wird natürlich der Kritiker so nicht glauben. Nämlich Achtung: Es ist eine schweizer Studie eines renommierten Institutes namens EMPA. Da Nestlé ein schweizer Unternehmen ist, wird hier bestimmt manipuliert worden sein, muss ja so sein, geht nicht anders. Bestimmt.

Unbequeme Wahrheiten des ganzheitlichen Denkens

Welch ein Mist aber auch, dass gesamtheitliche Betrachtungen so unbequem sind! Populärer ist es dann, sich eine simple Kapsel zu nehmen und daraus eine simple Botschaft an die Willigen unter uns zu senden. Auf diesen Umweltpopulismus falle ich nicht mehr herein. Umweltschutz ja, platte Botschaften mit platten Zusammenhängen nein! Je simpler eine Botschaft, umso verkürzter und einseitiger die Betrachtung.
Die Wahrheit ob der Kaffeekapseln ist nicht, dass wir Umweltsünder sind, da wir die Kapseln in den Hausmüll werfen (was leider noch viele tun), statt sie in den Gelben Sack zu befördern. Die Wahrheit ist, dass der Einsatz von Aluminiumkapseln gerade bei der Portionierung statt Verschwendung von Kaffee nützlich sein kann. Kann, nicht muss. Nebst der Frage nach der eigentlichen Bequemlichkeit bei der Zubereitung. Die Wahrheit ist, dass die Verwendung von Alu per se als Rohstoff, der am dritthäufigsten auf der Erde vorkommt, keine Frage von Kapseln, sondern eine Frage der gesamtheitlichen Nutzung und Wiederverwendung ist. Wir kommen immer wieder zum gesamtökologischen Fußabdruck zurück. Das ist kein einfaches Thema. Die Betrachtung ist hochkomplex. Wer es sich simpel machen will, soll eben weiterhin den Simplifizierern folgen. Ob das nun Umweltschützer sind oder auch Kapselfans, von mir aus. Und schön brav Kaffee-Egal-woher trinken, „je mehr, umso besser“.
Wer es wirklich ernst meint, sich mit dem Thema ökologischer Fußabdruck auseinanderzusetzen, muss sich schon echte Mühen machen, anstatt abgedroschen Öko-Nachrichten zu kopieren. Das Thema ist weitaus komplexer. Ein möglicher Startpunkt zum Einarbeiten wäre das Projekt der EU: „The Environmental Footprint Pilots“.
Robert Basic

von

Seine Passion sind Menschen, sein Antrieb ist die Neugier.

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